Zukunftstag in der Opel Arena am 29.10.2019

Zukunftstag in der Opel-Arena – wie zukunftsfähige Arbeit Realität wird

Am 29. Oktober 2019 hatte ARBEIT & LEBEN gGmbH zum Zukunftstag in die Mainzer Opel Arena geladen, um zusammen mit über 120 Gästen aus Betrieben, Gewerkschaften, Politik und Bildung über Perspektiven, Chancen und Herausforderungen der Arbeitswelt von morgen und übermorgen zu diskutieren.

Was machen die Menschen eigentlich in Zukunft im Büro? Wie kann betriebliche Mitbestimmung angesichts neuer Arbeitsformen aussehen? Und welche Kompetenzen müssen Beschäftigte für die digitale Arbeitswelt mitbringen? Dies waren nur einige wenige Fragen, über die sich die Besucherinnen und Besucher des Zukunftstags in verschiedenen Workshops angeregt austauschten.

Unterstützung des Landes

Zunächst hatte Gabriele Schneidewind, Geschäftsführerin von ARBEIT & LEBEN gGmbH, zusammen mit Anne Spiegel, Ministerin für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz, und Jeannette Mischnick, Leiterin der Abteilung „Arbeit“ im Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz, die Veranstaltung im Rahmen eines Podiumsdialogs eröffnet.

Die Landesregierung verfolgt mit dem Förderansatz „Zukunftsfähige Arbeit“ das Ziel, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) dabei zu unterstützen, sich den wandelnden Rahmenbedingungen anzupassen, die Beschäftigungsfähigkeit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erhalten und auszubauen sowie ihren Fachkräftebedarf zu sichern. ARBEIT & LEBEN gGmbH führt im Rahmen dieses Förderansatzes die Projekte „Wissen im Wandel“, „Dialog Entgeltgleichheit“ und „Gesunde Arbeit im Mittelstand“, gefördert durch das Land und den Europäischen Sozialfonds (ESF), durch.  

Mit Blick auf die anstehenden Herausforderungen betonte Anne Spiegel insbesondere die Herstellung gleicher Beschäftigungschancen von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Unternehmen könnten es sich gar nicht mehr leisten, auf Potenziale zu verzichten. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen sei jedoch noch immer durch einen überproportionalen Teilzeit-Anteil, ungleiche Entlohnung und verminderte Karrierechancen gekennzeichnet. Hier können beispielsweise technische Möglichkeiten dabei helfen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. In ihrem Ministerium setzt Anne Spiegel daher insbesondere auf Teleheimarbeit-Angebote. Mit anonymisierten Bewerbungsverfahren schafft das Ministerium darüber hinaus einen besonders diskriminierungsfreien Einstieg in Beschäftigungsverhältnisse des Landes.  

Jeannette Mischnick wies darauf hin, dass die Anpassung der Unternehmen an die Digitalisierung ein Prozess ist, an den man nicht „einfach irgendwann einen Haken machen“ kann. Für sie und ihr Ministerium, geht es vor allem darum, den Unternehmen die passende Unterstützung anzubieten, um die Herausforderungen zu meistern. Themenfelder seien u.a. flexible Arbeitszeiten und flexible Arbeitsformen (agiles Arbeiten), betriebliches Gesundheitsmanagement und Kompetenzentwicklung (Informationen filtern, verarbeiten, weitergeben). Entsprechend wird der Digitalisierungsaspekt in der Projektförderung ab 2020 seitens des Ministeriums einen nochmals größeren Schwerpunkt einnehmen.

Was macht der Mensch in Zukunft eigentlich im Büro? – Birgit Gebhardt erforscht die Trends

Was bedeutet es konkret, wenn alle Lebensbereiche wie Arbeit, Leben und Lernen von neuen, innovativen Möglichkeiten durchdrungen werden? In ihrem hochinteressanten, teils visionären Vortrag entwarf die Trendforscherin Birgit Gebhardt (www.birgit-gebhardt.com) ein vielschichtiges Zukunftsbild des beginnenden Strukturwandels.

Die Transformation von einer industriellen Massengesellschaft zur „vernetzten Individualgesellschaft“ geht einher mit hochgradig individuell und situativ abgestimmten Informationen, Inhalten und Formaten. Persönlich angepasste Produkte verändern Produktionslinien, Marketing und Distribution. Selbstgesteuerte und individualisierte Lernangebote erhöhen Lernerfolge, verlangen aber auch ein hohes Engagement und große Veränderungsbereitschaft. Dass die neuen digitalen Möglichkeiten manchen aktuellen Schutzgesetzen (Arbeitsschutz, Datenschutz) widersprechen, ist dabei nur eine von vielen Herausforderungen.

Die Arbeitswelt wird von neuen Kollaborationsmöglichkeiten und technischen Assistenz-Systemen geprägt sein, in der die Beschäftigten insbesondere ihre humanen Kompetenzen verstärken und einbringen müssen: kreatives Konzipieren, sensitive Analyse, kundenorientierte Lösungsfindung, gefühlvolle taktile Bewegungsmechanismen oder Achtsamkeit, Flexibilität und Empathie. Entsprechend lässt sich die Frage nach zukünftigen Bürotätigkeiten damit beschreiben, dass die Beschäftigten v.a. digitale Informationsverarbeitungen kontrollieren („Trouble-shooting“: macht die Maschine alles richtig?), steuern und analysieren. Agile Arbeitsmethoden und selbstorganisierte Prozesse lösen starre Hierarchien und fixe Programme auf. Gefragt sind zukünftig keine starren Strukturen, sondern Navigation (durch Führungskräfte? Durch Algorithmen?) durch die neue Unübersichtlichkeit.

Am Beispiel des Gemäldes „Die Schule von Athen“ (Rafael) verdeutlichte Frau Gebhardt, dass die Idee von der neuen Arbeitswelt eigentlich eine alte ist: der auf dem Bild dargestellte Austausch der Philosophen enthält alle Formen des Lernens, die auch in der neuen Arbeitswelt ausgebildet werden. Von Präsentation und Führung über Konzentration und Diskussion auf Augenhöhe bis zu zufälligen kreativen Begegnungen wird es einen Mix der Lern- und Arbeitskultur geben.  

Diskussion mit „Deep Democracy“

Anschließend hatten die Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, in einem von vier Workshops zu den Themen „New Work“, „Lernen im Kontext Arbeit“, „Gesundheit im Arbeitsleben“ oder „Vernetzte Individualgesellschaft“ zu diskutieren und gemeinsame Zukunftsvorstellungen zu entwickeln. Dabei wurde in allen Runden insbesondere der Wunsch geäußert, angesichts zunehmender digitaler Kommunikation, steigender Kompetenzanforderungen und tiefgreifender Strukturveränderungen den persönlichen, wertschätzenden Kontakt untereinander nicht abreißen zu lassen („Je virtueller wir arbeiten, umso mehr möchten wir uns physisch treffen.“ B. Gebhardt).

Alle vier Workshops waren einerseits von einem großen Optimismus angesichts der neuen Möglichkeiten geprägt, andererseits wurde auch Skepsis und Bedenken geäußert. Ein Betriebsrat schilderte sein „ungutes Gefühl“ für die betriebliche Mitbestimmung, wenn Belegschaften zunehmend virtuell kommunizieren und Tätigkeiten immer stärker individualisiert werden. Kollektive Schutzbestimmungen müssten dann wohl individualisierten Schutzbestimmungen weichen. Zudem wurde daran appelliert, Rücksicht auf alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu nehmen – nicht alle könnten in gleicher Weise mit dem tiefgreifenden Wandel der Arbeitswelt umgehen.

Zudem bedarf es angesichts neuer (agiler) Arbeitsformen auch Grenzen der Selbstverantwortung, die es zu definieren gilt.

Insbesondere die Möglichkeiten zur Flexibilisierung (z.B. zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten) wurde ambivalent gesehen. Auf der einen Seite sahen viele Teilnehmer*innen Chancen für eine bessere, selbstbestimmte Vereinbarkeit von Familie, Leben und Beruf, auf der anderen Seite wurden aber auch negative Konsequenzen für die Gesundheit (Stress) und Arbeitsfähigkeit prognostiziert.

Angesichts der vielfältigen Entwicklungschancen und Herausforderungen wurden abschließend in jeder Themenecke sogenannte „Meta-Skills“ entwickelt, also Haltungen und Fähigkeiten, die für die Arbeitswelt der Zukunft benötigen werden. Dabei waren den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum Abschluss des Tages folgende Punkte besonders wichtig:

Sozialer Ausgleich, Neugier, Mut, Empathie, Sinn, Offenheit, Gesunde Führung, Partizipation und Selbstverantwortung.

Ein Video über den Zukunftstag finden Sie in unserer Mediathek!

Einige Impressionen der Graphic-Designerin Franziska Ruflair (www.franziskaruflair.com) finden Sie in den unten stehend Downloads.

 

Copyright Fotos: ARBEIT & LEBEN gGmbH Rheinland-Pfalz, Rainald König